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Lösungen für eine nachhaltige Zukunft in der Ophthalmologie

Die chirurgische Ophthalmologie gehört zu den volumenstärksten Disziplinen der Medizin. Allein in Deutschland werden jährlich über eine Million Katarakt-Operationen durchgeführt, Tendenz steigend. Mit wachsenden Eingriffszahlen steigt auch der Ressourcenverbrauch: Das einmalig verwendete ophthalmologische Verbrauchsmaterial, das jeder Eingriff erfordert, erzeugt große Abfallmengen und einen erheblichen CO₂-Fußabdruck.

Die entscheidende Frage lautet dabei nicht, ob die Ophthalmologie auf Einwegprodukte verzichten kann, sondern wie diese nachhaltiger gestaltet werden können. Denn Single Use ist in der Augenchirurgie medizinisch notwendig, keine Designentscheidung. Und Nachhaltigkeit bedeutet in diesem Kontext mehr als einen reduzierten CO₂-Fußabdruck: Jede unnötige Iteration, jedes suboptimal gewählte Material, jede vermeidbare Prozessstufe kostet Energie, Zeit und Ressourcen – was in der Entwicklung verschwendet wird, lässt sich später nicht kompensieren.

Warum Single Use in der Ophthalmologie keine Alternative hat – und manchmal sogar die nachhaltigere Wahl ist

Eingriffe am menschlichen Auge, von der Kataraktoperation über die Phakoemulsifikation bis zur vitreoretinalen Chirurgie, setzen Sterilität, reproduzierbare Materialeigenschaften und lückenlose Dokumentation voraus. Die regulatorischen Anforderungen sind so spezifisch, dass sie sich in der Regel nur mit steril verpackten, auf eine definierte Anwendung validierten Produkten erfüllen lassen.

Wiederaufbereitbare Lösungen scheitern in der Ophthalmologie regelmäßig an Hygienevorgaben, Materialermüdung und dem Risiko von Kreuzkontaminationen. Single-Use-Produkte reduzieren diese Risiken nachweislich – und tragen damit aktiv zur Patientensicherheit bei. Was dabei oft übersehen wird: In manchen Fällen ist Single Use auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten der sinnvollere Weg, weil die Aufbereitung wiederverwendbarer Produkte ihrerseits erhebliche Ressourcen, verbraucht.

Die Branche steht also vor einer klar definierten Aufgabe: nicht weniger Single Use, sondern nachhaltigeres Single Use. Gefragt sind dabei keine allgemeinen Klimazusagen, sondern Partner, die Material, Design und Fertigungsprozess als Gesamtsystem verstehen und nachhaltige Lösungen produktspezifisch entwickeln.

Drei Hebel für nachhaltigere ophthalmologische Verbrauchsmaterialien

Nachhaltigkeit lässt sich entlang des gesamten Produktlebenszyklus beeinflussen: von der Entwicklung über die Herstellung bis hin zur Entsorgung. Gerade bei ophthalmologischen Einwegprodukten sind die Möglichkeiten zur Optimierung am Ende des Lebenszyklus jedoch aufgrund regulatorischer Vorgaben und etablierter Entsorgungswege begrenzt. Die größten und zugleich am besten beeinflussbaren Hebel liegen daher bereits in der Produktentwicklung. Hier werden die entscheidenden Weichen für den späteren Ressourcenverbrauch, den CO₂-Fußabdruck und die Kreislauffähigkeit eines Produkts gestellt.

Drei Bereiche bieten dabei den größten Hebel:

  • Materialsubstitution bei bestehenden Produkten durch zertifizierte Alternativen mit identischer chemischer Struktur – ohne Änderung der Verarbeitungsprozesse
  • Einsatz neuartiger Biopolymere bei der Neuentwicklung von Produktplattformen und Verpackungslösungen
  • Design-for-Sustainability mit Fokus auf reduzierten Rohstoffeinsatz, vereinfachte Produktarchitektur und sortenreinere Materialtrennbarkeit

Materialsubstitution als Hebel zur Reduktion des Product Carbon Footprint

Eine der wirksamsten Strategien für die nachhaltige Gestaltung ophthalmologischer Single-Use-Produkte ist die gezielte Substitution fossiler Kunststoffe durch nachhaltigere Polymeralternativen. Besonders interessant sind dabei sogenannte Drop-in-Biopolymere: Materialien, deren chemische Struktur und Verarbeitungseigenschaften mit ihren fossilen Pendants identisch sind, jedoch ganz oder teilweise aus erneuerbaren oder zirkulären Rohstoffen hergestellt werden.

Der entscheidende Vorteil: Da die Materialeigenschaften weitgehend unverändert bleiben, können bestehende Produkte häufig ohne grundlegende Änderungen an Design, Werkzeugen oder Fertigungsprozessen auf nachhaltigere Materialvarianten umgestellt werden. Dadurch lassen sich CO₂-Emissionen entlang der Wertschöpfungskette reduzieren, ohne Kompromisse bei Funktionalität, Qualität oder regulatorischen Anforderungen einzugehen.

Für ophthalmologische OEMs ergeben sich daraus mehrere Vorteile:

  • Reduzierung des Product Carbon Footprint durch den Einsatz biobasierter oder zirkulärer Rohstoffe
  • Hohe Material- und Prozesskompatibilität mit bestehenden Fertigungsverfahren
  • Geringerer Qualifizierungsaufwand im Vergleich zur Umstellung auf eine andere Kunststoffart
  • Erhalt der bekannten mechanischen, thermischen und funktionalen Eigenschaften

“Für RAUMEDIC ist die Wahl des Materials eine Schlüsselkomponente für eine nachhaltige Ophthalmologie! Das setzt umfangreiches Know-how und weitreichende Erfahrungen voraus”

Jessica Hiller, Senior Materials Engineer

Die besondere Form der Substitution mit ISCC PLUS: Nachhaltig zertifizierte Rohstoffe

Eine besondere Form der Umsetzung stellen ISCC PLUS zertifizierte Materialien dar (ISCC = International Sustainability & Carbon Certification). ISCC PLUS ist ein international anerkannter Standard für nachhaltige Lieferketten, der es Herstellern ermöglicht, nachhaltige Rohstoffe transparent und rückverfolgbar in bestehenden Prozessen einzusetzen – ohne Abstriche bei Qualität oder Sicherheit.

Das Herzstück des Konzepts ist der Massebilanzansatz: Nachhaltig beschaffte Rohstoffe werden am Anfang der Wertschöpfungskette eingesetzt und entlang dieser zertifiziert – ihr Anteil wird bilanziell erfasst und dem Endprodukt zugeordnet, ohne dass separate Fertigungslinien erforderlich sind. 

Für Anwender ergeben sich daraus die Vorteile eines Drop-in-Materials bei gleichzeitig hoher Verfügbarkeit und Skalierbarkeit:

  • Bis zu 71 % weniger CO₂ gegenüber konventionellen fossilen Kunststoffen (abhängig von Rohstoffbasis und Anwendung– produktspezifisch zu bewerten)
  • Vollständige Kompatibilität mit bestehenden Fertigungsprozessen wie Extrusion oder Spritzguss
  • Unveränderte Materialeigenschaften und Produkt-Performance
  • Lückenlose Rückverfolgbarkeit: ISCC PLUS garantiert eine unabhängig geprüfte Nachvollziehbarkeit der Rohstoffe entlang der gesamten Lieferkette

Potenzialanalyse: Bis zu 56 % geringerer CO₂-Fußabdruck des Schlauchmaterials

Welches Potenzial die Materialsubstitution bieten kann, zeigt eine interne Analyse von RAUMEDIC anhand eines Schlauchsystems für den Einsatz mit einem Femtosekundenlaser. Untersucht wurde, welchen Einfluss der Austausch des bislang verwendeten Schlauchmaterials gegen eine ISCC PLUS-zertifizierte Alternative auf den Product Carbon Footprint der Schlauchkomponente hätte.

Derselbe geprüfte Rohstoff, der ISCC-PLUS-zertifiziert ist und bei RAUMEDIC verarbeitet wird, ermöglicht eine CO₂-Reduzierung um 56 %.

Das Ergebnis: Für das Schlauchmaterial ergab die Analyse ein CO₂-Einsparpotenzial von bis zu 56 % gegenüber der konventionellen Materialvariante – ohne Änderungen an Geometrie, Materialkonzept oder Fertigungsprozess.

Das Beispiel verdeutlicht, dass sich bereits durch den Austausch geeigneter Werkstoffe relevante Nachhaltigkeitspotenziale erschließen lassen, auch wenn die tatsächliche Reduktion auf Produktebene von den jeweiligen Materialanteilen und der konkreten Produktarchitektur abhängt.

Diese Berechnung zeigt, dass Nachhaltigkeitsziele und medizintechnische Anforderungen kein Widerspruch sein müssen. Die Umstellung auf ein ISCC PLUS zertifiziertes Material kann durch die gleichbleibenden Materialeigenschaften prozesssicher und reproduzierbar erfolgen.

Nachhaltige Produktentwicklungen mit neuartigen Biopolymeren

Während Drop-in-Biopolymere und ISCC PLUS-zertifizierte Materialien vor allem eine attraktive Lösung für die nachhaltigere Gestaltung bestehender Produkte darstellen, eröffnen neuartige Biopolymere zusätzliche Möglichkeiten in der frühen Produktentwicklung. Anders als Drop-in-Alternativen bilden sie neue Kunststoffklassen, deren chemische Struktur sich zum Teil deutlich von etablierten fossilen Polymeren unterscheidet. Dadurch können sich nicht nur Herkunft und CO₂-Fußabdruck verändern, sondern auch Verarbeitungs-, Nutzungs- und Entsorgungseigenschaften.

Für ophthalmologische Single-Use-Produkte ist dieser Ansatz besonders dort interessant, wo Produktdesign, Materialauswahl und Herstellprozess von Beginn an gemeinsam gedacht werden. Neuartige Biopolymere können beispielsweise Potenziale für ressourcenschonendere Bauteile, angepasste mechanische Eigenschaften, optimierte Verpackungslösungen oder neue End-of-Life-Konzepte eröffnen. 

Im Unterschied zur Materialsubstitution bei Bestandsprodukten geht es hier nicht primär darum, ein fossiles Polymer durch eine chemisch identische Alternative zu ersetzen. Vielmehr wird bei der Neuentwicklung einer Single-Use Komponente ein neuartiges Biopolymer mit Hinblick auf die Anforderungen ausgewählt. Dazu gehören die Bewertung von Verarbeitbarkeit, Sterilisierbarkeit, Biokompatibilität, Alterungsverhalten, Dimensionsstabilität und regulatorischer Eignung. 

Neben biobasierten Alternativen zu etablierten Materialien wie PVC, PP oder PA stehen auch neuartige Kunststoffklassen wie CAP, Bio-PBS oder PLA zur Verfügung. Diese können je nach Anwendung zusätzliche Potenziale hinsichtlich Ressourceneffizienz, Kreislauffähigkeit und Entsorgung eröffnen.

Design-for-Sustainability: Konstruktive Entscheidungen mit messbarer Wirkung

Neben der Auswahl von nachhaltigen Materialalternativen bietet das sogenannte Design for Sustainability heute einen der wichtigsten Hebel für die Fertigungsexzellenz in der Ophthalmologie - etwa durch den geringeren Materialeinsatz, die Reduktion unterschiedlicher Materialien oder eine vereinfachte Produktarchitektur, die Herstellung und Handhabung effizienter macht. So können bereits in der Entwicklung wichtige Weichen für nachhaltigere Produkte gestellt werden.

Viele OEMs greifen auf Standardkomponenten zurück, um Kosten zu kontrollieren. Das Ergebnis: Schlauchlängen, Durchmesser und Komponentenanzahl sind häufig nicht auf den spezifischen Eingriff zugeschnitten, sondern systematisch überdimensioniert – mit entsprechenden Folgen für den Materialeinsatz.

Zudem führt der „Safety by Bulk“-Ansatz oft zu unnötig hohem Materialeinsatz. Um z.B. Kollapseffekte (sog. Surge) bei der Aspiration zu vermeiden, setzen viele Hersteller auf dickwandige Schläuche oder sehr steife Materialien. Durch anwendungsspezifisches Design und eine gezielte Materialauswahl lässt sich jedoch häufig dasselbe Sicherheitsniveau mit deutlich geringerem Materialeinsatz erreichen.

Genau hier kann innovatives Design für deutlich nachhaltigere Komponenten sorgen. Mit cleveren Konstruktionen können gleichbleibende oder sogar optimierte Stabilität und Produkteigenschaften geschaffen werden, während gleichzeitig der Materialaufwand reduziert werden kann.

50% reduzierter Materialaufwand: Optimiertes Kolbendesign verringert Kunststoffeinsatz

Ein gutes Beispiel hierfür ist ein Kundenprojekt von RAUMEDIC, mit dem Ziel, die Geometrie eines Spritzenkolbens genau zu analysieren und an den konkreten Bedarf anzupassen.

Reduzierung der Materialvielfalt durch funktionale Integration

Ein weiterer zentraler Ansatz des Design-for-Sustainability liegt in der gezielten Reduzierung des Materialmixes. Gerade bei komplexeren ophthalmologischen Single-Use-Komponenten entstehen Materialvielfalt und zusätzliche Prozessschritte häufig nicht durch die eigentliche Produktfunktion, sondern durch die Art der Assemblierung – etwa durch Klebstoffe, zusätzliche Verbindungselemente oder Hilfsstoffe. Durch konstruktive Funktionsintegration lassen sich solche Materialien vermeiden: Bauteile werden so ausgelegt, dass sie mechanisch verrasten, stecken oder klicken, anstatt dauerhaft verklebt zu werden. Dadurch sinkt nicht nur die Anzahl eingesetzter Materialien, sondern häufig auch der Montageaufwand. Gleichzeitig verbessern sich die Voraussetzungen für eine sortenreinere Trennung und eine effizientere Verwertung am Ende des Produktlebenszyklus.

Ein konkretes Beispiel aus einem RAUMEDIC-Projekt zeigt, wie sich Nachhaltigkeit durch konstruktive Optimierung gezielt fördern lässt. Im Fokus stand die Frage, ob eine etablierte Klebeverbindung tatsächlich erforderlich ist. 

RAUMEDIC als Systempartner für nachhaltige ophthalmologische Polymer-Subsysteme

Die Ophthalmologie benötigt keine Zulieferer, die Einzelkomponenten liefern – sondern Partner, die die Gesamtanwendung verstehen. Materialentscheidungen, Designoptimierung, Fertigungsprozesse und regulatorische Anforderungen sind in der Augenchirurgie eng miteinander verknüpft. Wer nur an einem dieser Punkte ansetzt, kann keine nachhaltigen Verbesserungen erzielen, die über das Produkt hinaus wirken.

RAUMEDIC begleitet Medizintechnik-OEMs als ganzheitlich ausgerichteter Entwicklungs- und Fertigungsdienstleister – und als Material- und Prozesspartner für ophthalmologische Polymer-Subsysteme. Jede Materialentscheidung basiert dabei auf einer produktspezifischen Bewertung. Ökologischer Fortschritt und medizinische Verlässlichkeit werden nicht gegeneinander abgewogen, sondern gemeinsam erreicht.

Die Praxisbeispiele zeigen, wie dieser Ansatz konkret wirkt.

“RAUMEDIC versteht Nachhaltigkeit vor allem als Chance, denn das Potenzial für nachhaltige Prozesse, Produkte und Komponenten ist enorm. Gerade in der Ophthalmologie! Das erfordert eine ganzheitliche Betrachtung, die die grundlegende Produkt- und Materialentwicklung ebenso einbezieht, wie die Lieferkette und den Lebenszyklus”

Tobias Festel, Head of Design

Fazit

Nachhaltigkeit in der ophthalmologischen Chirurgie ist keine Frage des Ob – sondern des Wie. Single-Use-Produkte sind in der Augenchirurgie medizinisch notwendig und werden es bleiben. Entscheidend ist, wie sie entwickelt, aus welchen Materialien sie gefertigt und wie ihre Lieferketten gestaltet werden.

Materialsubstitution auf Basis von ISCC PLUS-zertifizierten Drop-in-Biopolymeren, konstruktive Entscheidungen im Sinne eines Design-for-Sustainability und eine transparente Lieferkette bieten OEMs konkrete, messbare Ansätze – ohne Abstriche bei Performance, Sterilität oder regulatorischer Konformität. Die dargelegten Beispiele zeigen: Nachhaltigkeitsfortschritte in der Ophthalmologie sind heute realisierbar. Vorausgesetzt, sie werden produktspezifisch und mit dem richtigen Partner angegangen.

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