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End-to-End-Entwicklung ophthalmologischer Subsysteme
In ophthalmologischen Entwicklungsprojekten stehen Funktion, Zulassungsstrategie und Zeitplan früh im Fokus. Eine Frage bleibt dabei oft im Hintergrund: Wie viel muss feststehen, bevor ein Fertigungspartner ins Projekt kommt?
Warum die wirksamsten Entscheidungen vor dem Design Freeze fallen
Ein typischer Fall: Ein ophthalmologischer OEM entwickelt ein patientennahes Subsystem für eine laserbasierte Behandlung. Die Funktion ist beschrieben. Material, Geometrie und Herstellprozess sind offen, ebenso die Anforderungen an Sauberkeit, Ergonomie und Validierbarkeit.
An dieser Stelle liegt es nahe, die Konstruktion zunächst intern zu finalisieren und einen Fertigungspartner erst mit einer fertigen Spezifikation anzusprechen. Das Vorgehen folgt einer nachvollziehbaren Logik: erst die Zeichnung, dann die Vergabe.
Diese Reihenfolge verschiebt jedoch offene Fragen in eine Phase, in der ihre Beantwortung teuer wird. Späte Designänderungen, Korrekturschleifen nach den ersten Prototypen, zusätzliche Validierungsschritte und regulatorische Nacharbeit kosten Entwicklungszeit, die zu Projektbeginn noch verfügbar war.
Die Entwicklung eines ophthalmologischen Subsystems ist deshalb weniger eine Fertigungsaufgabe als eine Entwicklungsaufgabe. Dafür gibt es eine andere Logik und sie setzt wesentlich früher an.
Mehr Eingriffe, höhere Anforderungen, komplexere Subsysteme
Der Druck, diese Reihenfolge zu überdenken, wächst mit dem Markt und steigenden Eingriffszahlen.
Allein die Zahl der Kataraktoperationen liegt weltweit bei etwa 30 Millionen pro Jahr. Für 2030 werden insgesamt sogar rund 63,1 Millionen ophthalmologische Eingriffe erwartet [vgl. Market Scope 2025 Ophthalmic Surgical Instruments Market Report].
Mit den Eingriffszahlen steigt gleichzeitig der Bedarf an zuverlässig verfügbaren Single-Use-Produkten und Subsystemen. Kleinere Zugänge, präzisere Fluidik sowie neue laserbasierte, refraktive und vitreoretinale Verfahren erhöhen zugleich die Anforderungen an Materialien, Toleranzen und Prozesskontrolle.
Auch der regulatorische Rahmen wird anspruchsvoller. Sowohl die europäische Medizinprodukteverordnung MDR 2017/745 als auch die Anforderungen der FDA verlangen eine durchgängige Berücksichtigung von Validierung, Dokumentation und Rückverfolgbarkeit bereits in der Entwicklungsphase. Diese Anforderungen werden maßgeblich durch die Auswahl der Materialien, die Ausgestaltung von Verbindungen sowie die Auslegung der Herstellungsprozesse beeinflusst und müssen daher frühzeitig in Design- und Entwicklungsentscheidungen integriert werden.
Dass OEMs darauf reagieren, zeigt sich im Markt. Hersteller suchen gezielt nach Entwicklungspartnern mit Single-Use-Erfahrung, die Engineering, Materialkompetenz sowie Quality und Regulatory miteinander verbinden.
Wo der Engineering Gap entsteht
Was OEMs dort suchen, ist in gewachsenen Lieferantenstrukturen nicht selbstverständlich. Die Entwicklung und Fertigung komplexer Subsysteme verteilt sich in der gelebten Praxis häufig auf mehrere spezialisierte Lieferanten. Ein Partner extrudiert den Schlauch, ein anderer übernimmt den Spritzguss, weitere Unternehmen fertigen optische Komponenten oder montieren die Baugruppe. Jede dieser Leistungen kann für sich technisch sicher beherrscht werden, die entscheidenden Fragen entstehen jedoch an den Übergängen.
Denn jeder Beteiligte optimiert zunächst nur seinen eigenen Fertigungsschritt, nicht den Gesamtpfad. Damit fragmentiert sich der Entwicklungsprozess. Schnittstellen vervielfachen sich, Abstimmungen laufen bilateral statt übergreifend und Iterationsschleifen entstehen dort, wo Anforderungen erst spät aufeinandertreffen. Diese Lücke zwischen dem einzelnen Prozessschritt und dem Gesamtsystem wird auch als Engineering Gap bezeichnet.
Besonders kritisch wird dies am Übergang vom Konzept zur Serie. Entscheidungen, die früh im Design getroffen werden, entfalten ihre Wirkung erst spät – technisch bei der Frage, ob sich die Baugruppe reproduzierbar herstellen und fügen lässt, regulatorisch bei Validierung und Dokumentation. Wer sie trifft, ohne beides im Blick zu haben, erkennt die Konsequenz häufig erst, wenn Korrekturen aufwendig geworden sind.
In ophthalmologischen Anwendungen wiegt das besonders schwer. Die Anforderungen an Materialverträglichkeit, Präzision und die Kontrolle der Partikelbelastung sind sehr hoch. Ein funktionsfähiges Einzelteil genügt daher nicht. Maßgeblich ist, ob sämtliche Komponenten unter realen Fertigungs- und Einsatzbedingungen als Baugruppe zuverlässig zusammenwirken.
End-to-End als Entwicklungsprinzip
Genau hier setzt End-to-End-Entwicklung an: ein durchgängiger Ansatz, bei dem funktionale Anforderungen, Materialauswahl, Konstruktion, Herstellprozesse, Montage sowie Qualitäts- und regulatorische Anforderungen von der frühen Konzeptphase bis zur validierten Serienfertigung aufeinander abgestimmt werden.
Entscheidend ist dabei nicht der Umfang des Leistungsangebots. End-to-End-Partnerschaft bedeutet nicht, möglichst viele Leistungen anzubieten, sondern die Entwicklungsschritte als zusammenhängendes System zu betrachten. Die Materialwahl beeinflusst die Partikelneigung und die Sterilisierbarkeit, die Geometrie die Montierbarkeit, die Prozesswahl die Validierbarkeit. Eine Optimierung innerhalb eines einzelnen Fertigungsschritts kann deshalb an anderer Stelle neue Anforderungen auslösen.
Ein Subsystempartner betrachtet deshalb nicht nur den eigenen Fertigungsschritt, sondern den gesamten Wertschöpfungspfad des OEM. Er muss verstehen, welche Funktion die Baugruppe im späteren System erfüllt, wie sie im klinischen Umfeld gehandhabt wird, welche Nachweise der OEM benötigt und wie sich die Fertigung über den Produktlebenszyklus skalieren lässt.
Diese Logik entfaltet ihre Wirkung nicht in der Fertigung, sondern in der frühen Entwicklungsphase.
Gestaltungsspielräume vor dem Design Freeze
Konkret heißt das: Material, Konstruktion und Herstellprozess werden gemeinsam bewertet, solange sich alle drei noch ändern lassen. Bei patientennahen Komponenten betrifft das etwa die Entscheidung zwischen Silikon und thermoplastischen Elastomeren. Ausschlaggebend ist nicht eine Materialpräferenz, sondern die Abwägung von Funktion, Biokompatibilität, Verarbeitbarkeit, Kosten und Zulassungsfähigkeit.
Gleichzeitig fließen Design for Manufacturing und Design for Assembly früh in die Konstruktion ein. Ziel ist eine Auslegung, die eine sichere, reproduzierbare und wirtschaftliche Herstellung ermöglicht, bevor die Zeichnung finalisiert wird. Bei patientennahen Komponenten betrifft dies auch die Ergonomie: Geometrie und Haptik beeinflussen die Handhabung und damit den klinischen Einsatz.
Ebenso gehören die Sauberkeitsanforderungen von Beginn an in die Konstruktion und nicht erst in die Montageplanung. In ophthalmologischen Anwendungen ist die Partikelbelastung hochsensibel.
Welche Fertigungs- und Integrationsverfahren geeignet sind, bleibt projektspezifisch. Je nach Anforderung können separat gefertigte und montierte Komponenten oder stärker integrierte Mehrkomponentenlösungen sinnvoll sein. Eine frühe Entwicklungspartnerschaft ermöglicht es, diese Optionen anhand funktionaler, fertigungstechnischer und regulatorischer Kriterien zu vergleichen, bevor der Design Freeze den Lösungsraum begrenzt.
“Bei ophthalmologischen Subsystemen hängen Material, Geometrie, Montage und Sauberkeit eng zusammen. Werden diese Fragen erst nach Abschluss der Konstruktion betrachtet, sind viele sinnvolle Optionen bereits ausgeschlossen. Der größte Entwicklungshebel liegt deshalb vor dem Design Freeze.”
Tobias Festel, Head of Design bei RAUMEDIC
Von der Funktion zur validierbaren Baugruppe
Wie eine solche frühe Einbindung verläuft, zeigt ein realisiertes Projekt aus dem Bereich der Katarakt- und refraktiven Chirurgie. Der eigentliche Eingriff dauert dort nur Sekunden. Das Subsystem, das ihn ermöglicht, ist entsprechend kritisch.
Ein ophthalmologischer OEM benötigte ein patientennahes Subsystem für eine Laserbehandlung. Die Baugruppe sollte einen weichen Kontaktbereich zum Auge, eine optische Linse zur Fixierung und eine Schlauchverbindung zur Erzeugung des Vakuums vereinen, das das Auge während der Behandlung stabilisiert.
Material, Geometrie und Herstellprozess waren zu Projektbeginn noch nicht abschließend definiert. Gleichzeitig mussten mehrere Materialien mit unterschiedlichen Verarbeitungsanforderungen in einer Baugruppe zusammengeführt werden. Die Integration der Linse in einen geformten Konus erforderte enge Toleranzen, während Geometrie und Materialeigenschaften des Kontaktbereichs zugleich dessen Ergonomie und Handhabung bestimmten. Genau diese Verbindung unterschiedlicher Verfahren in einer Baugruppe deckt RAUMEDIC innerhalb der eigenen Prozesskette ab.
RAUMEDIC kam deshalb bereits vor der finalen Zeichnung ins Projekt und übernahm die konstruktive Abstimmung von Material, Geometrie und Herstellbarkeit. Für den patientennahen Kontaktbereich entwickelte das Team ein 2K-Spritzgussteil. Um ein optimales Ansaugverhalten am Auge zu erreichen, erprobte RAUMEDIC gemeinsam mit dem Kunden ein TPE in verschiedenen Geometrien und Shore-Härten. Den Zwillingsschlauch für die Fluidik fertigte RAUMEDIC im eigenen Haus und stimmte ihn auf die Handhabungsanforderungen der Anwendung ab. Die optische Linse wurde in den geformten Konus eingeklebt und die Verbindung auf einen präzisen und reproduzierbaren Klebeprozess ausgelegt.
Eine weitere zentrale Anforderung war die Sauberkeit während der Montage. Für die besonders sensiblen Arbeitsschritte reichte die reguläre Fertigungsumgebung der ISO-Klasse 7 nicht aus. RAUMEDIC richtete dafür einen eigenen Bereich ein: Die betreffenden Schritte erfolgen unter Laminar Flow beziehungsweise in einer Reinraumumgebung der ISO-Klasse 6.
Auch die nachfolgenden Prozesse wurden innerhalb des Projekts abgebildet: Assembly, Verpackung und Sterilisation erfolgten aus einer Hand; für die Verpackung wurde ein Hartblister eingesetzt.
Für den OEM ließen sich die offenen Fragen zu Material, Geometrie und Herstellbarkeit damit vor der finalen Auslegung klären. Industrialisierung und Dokumentationsfähigkeit von Produktions- und Prozessschritten waren von Beginn an Teil der Entwicklung und kein nachgelagerter Schritt.
Quality und Regulatory als fester Bestandteil
Entwicklung und regulatorische Anforderungen lassen sich nicht voneinander trennen. Ob ein Produkt und der Herstellprozess die Anforderungen erfüllt und später erfolgreich qualifiziert und validiert werden kann, hängt wesentlich von den Entscheidungen des Produktdesigns bei Materialauswahl, Konstruktion und Prozessgestaltung ab.
Damit wird der Entwicklungspartner Teil der regulatorischen Nachweiskette des OEM. Neben beherrschten Fertigungsprozessen liefert er Materialnachweise, Prozessdaten und Validierungsbeiträge in dokumentierter Form. Die IQ/OQ/PQ-Logik begleitet die Entwicklung dabei bis zur validierten Serienfertigung. Welche Normen und Systeme diesen Rahmen bilden, fasst die untenstehende Übersicht zusammen.
“Regulatorische Absicherung ist kein nachgelagerter Projektschritt, sondern ein integraler Bestandteil des gesamten Entwicklungs- und Fertigungsprozesses. Sie basiert bei uns auf einer Reinraum- Produktionsumgebung, einem zertifizierten Qualitätsmanagementsystem sowie konsequent nachvollziehbaren Entscheidungen entlang des gesamten Produktlebenszyklus. Dadurch schaffen wir die belastbare Dokumentation und die regulatorischen Nachweise, die unsere Kunden für ihre Zulassungs- und Compliance-Anforderungen benötigen”
Grit Pasche, Global Head of Quality & RA bei RAUMEDIC
Quality Management Key Facts
Zertifiziertes Qualitätsmanagement gemäß ISO 13485 sowie nach ISO 15378
Zertifiziertes Qualitätsmanagement gemäß EU MDR 2017/745, Anhang IX, Kapitel I und III
Implementiertes Qualitätsmanagement gemäß FDA QMSR
Projektspezifische Dokumentation
Reinraumfertigung nach ISO 14644, standardmäßig ISO-Klasse 7 sowie ISO-Klasse 6 für sauberkeitskritische Herstellungs- und Verpackungsschritte
GMP-orientierte Fertigung
Verpackung steriler Medizinprodukte nach ISO 11607
Sterilisation mit qualifizierten externen Partnern gem. ISO 11135 und ISO 11137 und Kundenvorgaben
Risikomanagement in Anlehnung an ISO 14971
Risikobasierte, anforderungsgerechte Qualifizierung und Validierung
Biologische Beurteilung nach ISO 10993
Materialnachweise, Rückverfolgbarkeit und Change Control
Unterstützung bei CE-Zertifizierungsprozessen
Erfahrung mit Medizinprodukten bis Klasse III
ISO 14001
ISO 50001
ISO 27001
ISCC+
Systemkompetenz an den Schnittstellen
End-to-End-Partnerschaft zeigt sich in drei Dimensionen: in der Verbindung der Entwicklungsschritte, in der regulatorischen Fähigkeit entlang der Entwicklung und in einer Fertigungsstruktur, die auch die spätere Versorgung absichert.
RAUMEDIC bildet diesen Weg in sechs Feldern ab: von der Produktidee über Materialentwicklung, Produktkonzept sowie Konstruktion und Prototyping bis zu Fertigung und Services. Die als Simple Six zusammengefassten Felder stehen dabei nicht für voneinander getrennte Einzelleistungen. Sie werden fortlaufend bewertet und optimiert. Eine Entscheidung im Produktkonzept lässt sich so an ihren Folgen für Konstruktion und Fertigung messen, bevor sie festgeschrieben wird.
Da sämtliche Lösungen kundenspezifisch entwickelt werden, richtet sich die jeweilige Prozesskombination nach der konkreten ophthalmologischen Anwendung. Beispiele reichen von Schlauchsystemen für Femtosekundenlaser und LASIK-Behandlungen bis zu Komponenten für IOL-Injektoren, Sleeves, Testkammern, Saugringen sowie Fluid-Management- und Irrigations-Aspirations-Sets.
Die regulatorische Fähigkeit ergänzt diese Prozesskompetenz. Erfahrung aus eigenen Zulassungsverfahren von Medizinprodukten der Klassen I bis III, die Koordination relevanter Testungen sowie die Bereitstellung regulatorisch relevanter Dokumente und Materialnachweise unterstützen die Überführung in eine dokumentationsfähige Serienfertigung.
Auch die Versorgungssicherheit gehört für RAUMEDIC dazu. Je nach Produkt und Mengenbedarf setzt das Unternehmen manuelle, halbautomatisierte oder vollautomatisierte Prozesse ein. Fertigungsstandorte in Europa und den USA unterstützen zudem Second-Source-Strategien, Risikostreuung und Kundennähe. Als inhabergeführtes Unternehmen mit langjährigen Kundenbeziehungen begleitet RAUMEDIC Qualitätssicherung, Prozessstabilität und kontrollierte Änderungen auch über den Serienstart hinaus.
Frühe Entscheidungen prägen den gesamten Produktlebenszyklus
Herstellbarkeit, Sauberkeit, regulatorische Absicherung und Skalierbarkeit entstehen nicht unabhängig voneinander. Sie sind das Ergebnis derselben frühen Entscheidungen zu Material, Konstruktion und Prozessgestaltung.
Wer diese Entscheidungen gemeinsam trifft, verringert das Risiko über den gesamten Produktlebenszyklus. Und er vermeidet genau die Korrekturschleifen, die den Weg zur Marktreife am häufigsten verlängern.
Der Unterschied zwischen einem Teilelieferanten und einem Subsystempartner zeigt sich deshalb nicht im Leistungskatalog, sondern im Entwicklungsprozess. In der Ophthalmologie, wo Präzision nicht verhandelbar ist, fällt diese Entscheidung früh. Am besten, bevor die Zeichnung finalisiert ist.
Sie arbeiten an einem ophthalmologischen Subsystem, bei dem Material, Prozess oder Herstellbarkeit noch offen sind? Lassen Sie uns darüber sprechen.