Hersteller von Hirndrucksensoren

Vom Kunststoffverarbeiter zum Hersteller von Hirndrucksensoren

Telemedizin verändert nicht nur die Beziehung zwischen Ärzten und Patienten. Auch in der Medtech-Zulieferindustrie führt sie zu einschneidenden Veränderungen. So ist der Kunststoffverarbeiter RAUMEDIC heute Inverkehrbringer von Hirndrucksensoren. Im Gespräch mit DeviceMed erklärt Ingo Bartels, Leiter des Bereichs klinische Produkte, die Positionierung von RAUMEDIC zur Telemedizin.

 

 

Herr Bartels, klassischerweise Entwickler und Hersteller medizintechnischer Polymerkomponenten und -systeme ist RAUMEDIC heute schon mittendrin im Thema Telemedizin.

Richtig. RAUMEDIC bietet heute mit dem Katheterprogramm Neurovent eine Wissensgrundlage für die Entwicklung und Herstellung von telemetrischen Produkten als Grundvoraussetzung für die Telemedizin. Mit unseren telemetrischen Hirndrucksensoren sind wir selbst Inverkehrbringer von Produkten für Patienten auf der Intensivstation. Wir sind damit deutlich mehr als nur Auftragsfertiger. Unsere Erfahrungen mit Patienten, Kliniken und Krankenkassen kommen aber auch unseren industriellen Kunden bei der Entwicklung und Fertigung ihrer Lösungen zugute. Als Entwickler und Auftragsfertiger bieten wir die nötigen Grundlagen, ohne auf bestimmte Anwendungsgebiete oder Patienten festgelegt zu sein. Wir besitzen entsprechende Systemkenntnisse und kennen die richtigen Partner, die bei der Umsetzung von komplexen Anforderungen hilfreich sind. Täglich lernen wir durch unsere Auftraggeber über die Vernetzung von Gesundheitskonzepten und können so die Anforderungen der Leistungsanbieter verstehen. Nach unserem Verständnis ist Telemedizin letztlich nichts anderes als die Vernetzung von Leistungsanbietern.

Dafür bedarf es neuer Kompetenzen von der Elektronik bis zur Zulassung. Woher nimmt man die als klassischer Kunststoffverarbeiter?

RAUMEDIC ist längst viel mehr als ein reiner Kunststoffverarbeiter. In unserem Werk in Zwönitz in Sachsen werden bereits seit den achtziger Jahren Druckmesssonden entwickelt und gefertigt. Dieses Know-how wurde im eigenen Haus auf- und ausgebaut und bietet uns ein solides Fundament, auf das wir täglich aufbauen. Unsere hausinterne Regulatory-Affairs-Abteilung gewährleistet und überwacht dabei die regulatorischen Anforderungen hinsichtlich der Herstellung, der Auslegung und des Vertriebs von Medizinprodukten in über 50 Länder weltweit.

Und das führt dann gleich zu einem hochanspruchsvollen Hirndrucksensor. Wie funktioniert dieser?

Als Alternative zur kabelgebundenen Messung des intrakraniellen Drucks (ICP) mittels klassischer Hirndrucksonden hat RAUMEDIC ein innovatives und einzigartiges System auf Basis der Telemetrie entwickelt. Die Druckmesssonde wird vollständig unter der Kopfhaut auf dem Schädelknochen implantiert. Die Messung des ICP erfolgt kabellos und ist parenchymatös mit dem Neurovent-P-tel möglich. Der auf dem System der Telemetrie basierende und mittels Mikrochiptechnologie ermittelte ICP wird durch die verschlossene Kopfhaut anhand des weltweit bewährten RFID-Prinzips kabellos auf unser Auslesegerät (Reader TDT1 read-P) übertragen. Erfasst und gespeichert werden die Daten auf dem Datalogger MPR 1. Mit Spannung erwarten wir das Raumed Home ICP, ein besonders leichtes und handliches Aufzeichnungsgerät, das Patienten auch außerhalb der Klinik und im Alltag begleiten kann.

Wie geht es nun weiter?

Der nächste Schritt ist eine Zulassung dieses Telemetriekatheters für eine längere Verweildauer von bis zu einem Jahr. Damit könnten die Hirndruckwerte von Patienten auch in deren gewohnter häuslicher Umgebung überwacht werden. Ein spezielles Eventmanagement, also ein Abgleich der Daten mit den Tätigkeiten der Patienten, liefert wichtige Hinweise für die Verordnung der therapeutischen Maßnahmen. Solche Heilverläufe können im Krankenhaus nicht abgebildet werden. Somit könnte die elektronische Überwachung des Hirndrucks in der häuslichen Umgebung eine Verbesserung der Therapie bewirken. Wir werden also unsere Anstrengungen im Bereich telemetrischer ICP-Messung weiter verstärken. Es geht uns um mehr Mobilität für die Patienten bei gleichzeitig höherem therapeutischen Nutzen. Und wir werden diese Erfahrungen auch verstärkt in unser OEM-Geschäft einbringen, weil wir überzeugt sind, dass dieses Wissen auch für unsere Industriekunden und deren Anwendungsgebiete wertvoll ist.

Gibt es bei RAUMEDIC auch Überlegungen, bisher analoge Einmalprodukte zu digitalisieren?

Überlegungen, analoge in digitale Produkte zu verwandeln, gibt es bei RAUMEDIC immer wieder. Die Idee ist dabei eine Seite der Medaille, die Umsetzung die andere. Hierzu sind große personelle und materielle Ressourcen erforderlich. Gerade bei den großen Volkskrankheiten ist deren Einsatz aber durchaus sinnvoll. Denken Sie dabei an Lungenkrankheiten wie COPD oder Herzinsuffizienz und – nicht zu vergessen – Diabetes. Hier bedarf es einer engen Zusammenarbeit unserer innovativen Mittelstandsindustrie mit den ressourcenstarken Global Playern sowie der Wissenschaft. Dann lassen sich solche Ideen auch umsetzen. Als Entwicklungspartner und Systemlieferant steht RAUMEDIC hier in den Startlöchern.

Wird sich die Medizintechnik in eine digitale und eine analoge Welt aufspalten?

Eine Aufspaltung in eine digitale und eine analoge Welt wird in der Medizintechnik nicht funktionieren, weil im Mittelpunkt immer der Patient mit seinen Bedürfnissen stehen muss. Die Arzt-Patienten-Beziehung ist elementar wichtig und kann nicht einfach aufgehoben werden. Aber die Telemedizin kann diese Beziehung unterstützen und zusätzliche Freiräume schaffen. Durch die Überwachung und Unterstützung der Patienten in ihrer Häuslichkeit ergeben sich vielzählige Möglichkeiten, den Therapieerfolg zu verbessern. Wenn Krankenhäuser, niedergelassene Ärzte, Fachärzte und Krankenkassen effektive Formen der Telemedizin etablieren, kann daraus ein nachhaltiger Nutzen für alle Beteiligten und vor allem für Patienten erwachsen.

Die Fragen stellte Peter Reinhardt, Chefredakteur DeviceMed